Nachtrag zur Feier vom 200. Blatt

Während ich an die Aktion auf dem 200.Blattfest denke, unser Flugblatt, unser Fake als Provokation, als Anstoß einer Diskussion, die wir wollten, damals vor zwanzig Jahren, empfinde ich so viel, die Erinnerung von Träumen, den Mut zum Aufstand, den Blutgeschmack auf der Zunge bei Verfolgung, Gefängnis und Tod, denn die Flugblattaktion stand ja am Anfang eines aufregenden, intensiven Lebensgefühles, einem Herzschlag der Freiheit, einen Sommer lang, und zwischen dem Duft der fröhlichen Erinnerung zwängt sich etwas anderes hindurch, der leicht eiserne Geruch der Angst und verwesendem Fleisch, denn das wussten wir auf dem Blattfest noch nicht, wie sich alles ereignen würde und unsere Lebensläufe bestimmen, damals, wir waren noch unschuldig in unseren Träumen und Visionen, in unserem Aufbegehren nach einem Leben in Freiheit, selbstbestimmtes Leben, ohne Unterdrückung, ohne die Bedingungen der Maschinerie, unsere Herzen waren voller Ideale und auch ein wenig mit Zynismus angereichert und vielleicht zeigte die damalige Auseinandersetzung ja auch das, das in Wirklichkeit passierte, der Bruch mit Werten, eher gesagt der Bruch mit einer Haltung zur Wirklichkeit, während die Alten sagten, der Kampf wird in die Metropolen zurückkehren, waren wir schon mittendrin, es ging nicht um die dritte Welt, es ging um uns, und das war auch das Ziel dieser Aktion, denn wir empfanden die Macher als gesettled, nicht mehr zornig und hungrig genug, wir glaubten eher, das Blatt diente inzwischen mehr der wirtschaftlichen Sicherung der Mitarbeiter, tschuldigung der Genossen, als der Verbreitung systemändernder Informationen, die Genossen erschienen uns so frustriert in den verschiedenen Bewertungen, Widerstand, Gewalt, auch eingeschüchtert, in ihren Selbstreflektionen, aber auch zu ohnmächtig, voller Angst der Staatskontrolle gegenüber, pigbrother, wir wählten Formen, die massenhaft ausgeübt werden konnten, du hast keine chance also nutze sie, wir wollten Spass beim Widerstand, nach der bleiernen Zeit, wir wollten einen Hut voll wirbelnder Energie, eine Menge Chaos und eine neue Ordnung, und diese Bereitschaft glaubten wir nicht mehr zu spüren, dahin gehend wollten wir provozieren, wir waren ja Teil der Scene, natürlich gingen wir aufs Blattfest und weil wir das Blatt auch so gern hatten, war das der ideale Ansatz für die Aktion. Ich war nicht bei der Vorbereitung, sondern ging einfach auf das Fest, im Schwabinger Bräu, ich war schon ziemlich bekifft und kann mich garnicht an alles erinnern, die Fetzen der Erinnerung, Leute auf der Treppe sitzend, die zum Saal führte, das Gefühl, doch in einer Gemeinschaft zu leben, in einer Gemeinschaft von Leuten, die einen ähnlichen Ansatz haben von Gerechtigkeit und Vorstellungen von anderen Lebensformen. Ich ging an den Menschen auf der Treppe vorbei und betrat den Saal, der sich auch schon gut gefüllt hatte, er war ziemlich voll, und wer sich an das Schwabinger Bräu erinnert, weiss, dass dann auch ne schöne Menge Leute gekommen war. Musik lief, ich kann mich garnicht mehr an die Bands erinnern, an die Musik, ich weiss nur noch, es war Party, ich lief umher, begrüssste Leute, fing Gespräche an, traf Bekannte, freute mich, bewegte mich zur Musik, rauchte. Es war entspannt, alle waren entspannt. Das gab einem ja das Gefühl auch zusammenzugehören. Freunde, Bekannte, Leute, mit denen du noch nie geredest hast, die du aber immer wieder siehst und du weisst einfach, es ist in Ordnung, nicht mehr und nicht weniger, ja so schön war das damals, ich hing also auf dem Fest rum.trank, rauchte, hatte Spass. Irgendwann kam Andrea (und sofort mischen sich wieder andere Gefühle in meine Erinnerung, was ist unser Weg, naja, was wir wollten, was wir bekamen, Andrea, ich vergess dich nicht), und brachte mir einen Packen Flugblätter, die wir dann verteilten. Die Vorbereiter hatten sich viel Mühe gegeben, es war eine Fälschung des Blattlayouts, der Schrift, des Satzes und darauf waren sie ganz stolz, des Schreibstils, es war wirklich gut. Der Inhalt bestand aus der Bekanntgabe das Blatt zugunsten der keimenden, neuen Bewegung auf der Strasse einzustellen, eine Selbstauflösung, um einen lebendigeren Widerstand zu ermöglichen. Wir verteilten das Flugblatt. Wir legten es auf die Tische, verteilten es auch unter den Tanzenden, den Herumstehenden. Da wir gut zehn Personen waren, wenn nicht mehr, dauerte es garnicht lange und der ganze Saal war mit unseren Flugblättern eingedeckt. Die Reaktion erstaunte uns schon, sehr viele nahmen es ernst, und nicht wenige fanden es gut, und für die meisten gab es die Frage anscheinend nicht, ob es wahr sei, es schien also für fast alle möglich, dass dies die Wahrheit war und ich weiss noch, wie mich die heraufkommende Verwirrung, die Fragen, die Diskussionen, die ich dann im Publikum erlebte, kickten. Ein kleines Papier, ein paar Leute und eine so heftige Reaktion.
Eine kleine Gruppe, die gerade von mir das Flugblatt in die Hand gedrückt bekommen hat. Der Gesichtausdruck der Frau, sie hat das Flugblatt mit einem zärtlichen Lächeln genommen, yes we are one family, verändert sich, wird zu einem bestürzten Umherschauen, das Flugblatt wird für die Hand zu schwer, sie lässt die Hand sinken.

Frau: hast du das gelesen? (ängstlich )Glaubst du das? Wie soll das gehen, ohne Blatt?
Mann: Was bist du denn so verängstigt? Ich finde es gut. Wird ja auch mal Zeit für einen Wechsel.
Frau
: Meinst du? Ich weiss nicht. Meinst du das stimmt?
Mann : Warum nicht.
Frau: Aber was soll dann werden, keine regionale Zeitung mehr. Wie soll ich was erfahren, von Aktionen bis hin zu Festen? Was wird aus der Scene?
Mann: Wenn sie auf der Stelle treten, wird das auch nichts. Dann halt Risiko.

Aufgestörte Diskussionen,Auseinandersetzungen, Für und wider, vielleicht lag dieser Tod schon in der Luft, in der Zeit....
So eine Wirkung und hatte jemand vorher noch stolz ein riesiges Hanfblatt präsentiert, ich fands auch ganz beeindruckend, so musste er danach noch einmal auf die Bühne und darauf hinweisen, das dies Flugblatt ein Fake war, die Aufregung hatte auch die Blattleute ergriffen, ich hätte eher gedacht, dass niemand so drauf achtet, das es unter nicht mehr und nicht weniger abgehakt wird, ich weiss noch, triumphierend wurde das aufgezogene Hanfblatt über die Bühne getragen, unter fröhlichem Gejohle der Zuschauer. Nach dieser Vorstellung gelangte wohl ein Flugblatt zu den Verantwortlichen, mit der gleichen Intensität, wie das Cannabisblatt gefeiert wurde, wurde die Aussage unseres Flugblatt dementiert. Für mich der Beweis, dass es eingeschlagen hatte, Verwirrung hatte viele erfasst, es erschien möglich, und wir wollten ein neues Aufbegehren, so begann dieser Sommer, die gereizte Reaktion der Macher, irgendetwas war wohl bedrohlich an der Aktion oder war es nur der Fakt , dass sich tatsächlich etwas änderte auf der Welt, von morphologischen Feldern her, schlechter ausgedrückt, über den Zeitgeist, der ein paar Jahre später zur Ära Kohl führen sollte, zum Anschluss der DDR, bei dem die Linke in Deutschland so gelähmt wirkte.
Vielleicht haben wir alle die Zeichen nicht richtig interpretiert, aber ich empfinde diesen Sommer als letzten, in dem noch was von Struktur zu finden war, da war, das dann zerfiel in den Überlebenskampf kleiner Cliquen oder Einzelpersonen, Diskussionen überflüssig, Ohren anlegen und durch, the system is sick, der Zusammenbruch des realen Sozialismus, des inzwischen historisch gewordenen Versuches, aber aus Fehlern lernt der Mensch, um es besser zu machen und natürlich, ohne die Systemkonkurrenz, lernt der Kapitalsimus sich selbstgefällig auszubreiten mit behäbigen Grinsen, profit rules the world, zerstört er unser aller Leben, drängt uns in das Laufrad der Existenz, indem wir drin rumhecheln. Und trotzdem, nichts hat sich geändert, das System macht mich krank, das System ist falsch und es wird zu Ende gehen, auch wenn es jetzt gerade Sieg brüllt und die soziale Maske verliert, die es nicht mehr braucht. Aber ist das nicht das, das zu erwarten war, mich überrascht das nicht. Ich habe nur gelernt die Spielregeln mehr zu befolgen und innerhalb des Lebensraumes für mich vernünftige, sprich existenzsichernde Kompromisse zu schliessen. Ich bin nicht glücklicher, nicht zufriedener, vielleicht mehr chizo, ich akzeptiere die Bedingungen, fremdbestimmte Arbeit, Konsum, Vereinzelung, ich gewöhne mich an die Sklaverei, würde heute, jetzt, eine Diskussion, die damals so ernsthaft geführt wurde , kommerzielle Werbung ja oder nein, nicht absurd erscheinen, jetzt, heute und ist das vielleicht ein Zeichen, wie weit wir uns von Träumen und Visionen entfernt haben, wie stumpf wir schon geworden sind, das wir alles hinnehmen, die Ereignisse bestätigen nur meine Lebenssicht, dieses System ist ja parasitär und der Wirt, in diesem Fall dieser Planet mit all seinen Wesen, wird auch mal ausgebeutet sein, leergeräumt, if the music is over turn out the light, die Ökologie, die Ökonomie, was da abgeht und wie, überzeugt mich, wäre dieser jetzige Zustand schlagartig eingetreten, es wäre nicht zu ertragen gewesen, so aber stumpfen wir gemächlich mit ab, und führen unseren individuellen Überlebenskampf. Aber wo wollten wir mal hin, ich habe keine Heimat in diesem System, wo sind unsere Träume, damals lebten sie ein bisschen, durch unsere Träume sahen wir Umrisse unserer Sehnsucht, inzwischen reduziert auf die kleinste Einheit, nämlich Ich, selten Du, noch seltener ein Wir, aber ich will ein Miteinander, ich habe einen Traum, ich will ein lebensfreundliches System, ich will Gerechtigkeit, ich will Liebe statt Hass, ich will konstruktive Auseinandersetzung statt Ausgrenzung, ich will mit anderen Menschen Lebensräume gestalten, ich will die verantwortliche Freiheit des Einzelnen im Kollektiv, tschuldigung team, ich will keinen täglichen Existenzkampf.
Damals gab es über das Blatt Struktur und damit Ansätze für Verständigung, auch unser Flugblatt hatte ja eine Auseinandersetzung zur Folge, eine Diskussion, das war mit dem Sprachrohr Blatt ja auch möglich. Ich bedauere es immer noch, dass das Blatt nicht mehr existiert, abgesehen von dem Aspekt, dass das Blatt ein wirtschaftliches Unternehmen war, bildete es ein Netzwerk, es war ein Informationsträger, es war Gegenkultur und meiner Meinung nach, hatte es in München und Umgebung Folgen, dass das Blatt verstummte. Es gab keine so breite Informationsmöglichkeiten für die Scene, kein Miteinander, keinen Rahmen, in dem Mensch sich in einem grösseren Zusammenhang gesellschaftlich auseinandersetzen konnte. Heute, ich weiss nicht, gehe ich auf Antifageschichten, nur Kids, fast keine alten Bekannten, keine Auseinandersetzung über Generationen hinweg, Ich hätte gern ein neues Blatt, wieder Möglichkeiten einen grösseren Kreis zu bilden. Ich würde da mitmachen.
Wir Alten könnten doch helfen, mit Wissen, mit Erfahrung, mit Taktik, mit Produktionsmöglichkeiten, mit Räumen, mit Kohle, mit Anwälten und vor allen mit grossen Partys, bei denen man sich trifft, Gemeinschaft halt, alt und jung, tatkräftig und schon ruhiger, hinaus aus den Löchern.

Frank Schubert

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